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WERBEFOTOGRAFIE
Experimente mit Licht und Schatten
Werbefotografie – das ist mehr als nur Drauflosknipsen. Während technisches Wissen eine Selbstverständlichkeit sein sollte, sind daneben noch ganz andere Dinge wichtig: die Fähigkeit zum Beispiel, die Aufgabenstellung der Agentur nicht nur ihrem Wortlaut nach umzusetzen, sondern sie als Grundlage zu nutzen, um von da aus die Fäden weiterzuspinnen.
Eigene Ideen zu entwickeln, die das werbliche Konzept der Agentur ergänzen: So etwas funktioniert natürlich nur, wenn die Zusammenarbeit zwischen Agentur und Fotograf(in) auf einer guten Basis steht. Und wenn der Fotograf – oder die Fotografin – genügend eigenes werbliches Denken mitbringt und: eine gehörige Portion Kreativität.  

TOPIC hat einem seiner kreativen Fotografen hinter die Kulissen und bei der Arbeit auf die Finger geschaut: dem freien Stillife-Fotografen Henry M. Linder, der seit mehreren Jahren in Kißlegg im Allgäu tätig ist.  

Der erste Blick in Linders Studio: Da steht ein Werkstattwagen voller Wattestäbchen, Reinigungsmittel, Fläschchen mit verschiedenen Flüssigkeiten, Skalpelle, Klammern, Pinzetten, Schraubzwingen und einer Menge anderem Werkzeug – alltägliche Arbeitsutensilien für einen Fotografen.  

Der Lichtaufbau für die Inszenierung des Kruges
Der Lichtaufbau für die Inszenierung des Kruges
Linder bereitet gerade den Aufbau vor für die Aufnahme eines Bierkruges, den die Leutkircher Brauerei Clemens Härle anlässlich der 700-Jahr-Feier der Stadt Leutkirch hat herstellen lassen. In einem 4seitigen Prospekt soll der Jubiläumskrug der Bevölkerung zum Kauf angeboten werden.  

Vorgabe der TOPIC Werbeagentur war die Ablichtung des Kruges auf schwarzem Grund, passend zur Gesamtgestaltung des Prospektes. Die inhaltliche Bildaussage sollte das Ambiente eines hochwertigen und edlen Sammlerstücks vermitteln. Zudem sollte das Hauptaugenmerk auf die auf dem Krug abgebildete ‚Leutkircher Brauordnung’, den Zinndeckel und die seitlich angebrachte Zinnmünze gelenkt werden, um den Wert des Kruges zu unterstreichen.  

Also wählt Linder aus seinem über Jahre hinweg zusammengetragenen Fundus an möglichen Hinter- und Untergrundmaterialien eine alte italienische Schieferplatte als Untergrund, weil sie als Zeugin der Welt- und Naturgeschichte geeignet ist, den edlen Charakter des Kruges nochmals zu verstärken.  
Die Schieferplatte wird an einem Stativ horizontal befestigt und der vorher sorgfältig gereinigte Krug darauf so platziert, dass die wichtigen Teile auf der Mattscheibe der Kamera optimal erkennbar sind. Weil der Krug kräftig und kompakt wirken soll, wird eine lange Brennweite festgelegt und eine Perspektive gesucht, die den Krug natürlich erscheinen läßt.  

Vor den Aufnahmen muß der Krug mit Pressluft und Wattestäbchen selbst von kleinsten Staubpartikeln gereinigt werden.
Vor den Aufnahmen muß der Krug mit Pressluft und Wattestäbchen selbst von kleinsten Staubpartikeln gereinigt werden.
Dann macht sich Linder an die 3fach-Belichtung, d.h., das Bild wird in 3 Phasen aufgenommen und alle 3 Phasen werden auf ein einziges Dia belichtet. Das muss sein, weil mit einer einfachen Belichtung niemals alle gewünschten Akzente gleichzeitig herausgearbeitet werden könnten. Damit sich im Glas des Kruges nicht die ganze Umgebung spiegelt, sondern gezielte und gewollte Reflexe gesetzt werden können, muß rundherum alles schwarz ausgekleidet sein und die Aufnahmen müssen bei völliger Dunkelheit gemacht werden.  

Für die Ausleuchtung greift Linder dabei nicht auf „Licht von der Stange" zurück, das sei ihm „zu unflexibel". Und weil Linder mit der Oberflächenstruktur der Objekte arbeitet will, muss er mit Licht experimentieren können. Eigens dazu hat er zusammen mit einem Lichttechniker seine individuelle Licht-Ausstattung konzipiert und gebaut. Die ist variabel und lässt ihm viel Raum für unkonventionelle Wege, wenn er seine Objekte in Szene setzt.  

Der kleine Spiegel reflektiert das von links einfallende Licht und hellt damit das Motiv auf.
Der kleine Spiegel reflektiert das von links einfallende Licht und hellt damit das Motiv auf.
Bei der ersten Belichtung entscheidet sich Linder nach mehreren Versuchen für ein weiches Hauptlicht von links, das mit gleichmäßigen Verläufen die Grundform des Kruges und der Schieferplatte modelliert. Zusätzlich soll eine Silberfolie die rechte Seite des Krugs und den Griff erhellen, und mit einem Spiegel wird außerdem das Motiv im Zinndeckel aufgehellt. Damit sich der Boden des Krugs nicht in der Rückwand spiegelt, wird er mit schwarzem Samt ausgeklebt.  

In der 2. Belichtungsphase wird mit dem Lichtpinsel gearbeitet. Da werden die Zinnmünze und der Firmenname aus der Gravur des Deckels herausgearbeitet – der Rest verschwindet im Dunkel. Der Firmenname soll deutlich zu sehen sein, um die werbliche Wirkung für das Unternehmen zu stärken. Der violette Spot schließlich wird in der 3. Belichtung gesetzt. Dazu werden im Hintergrund des Krugs eine Acrylglasscheibe und dahinter eine Maske aus schwarzer Pappe und violetter Filterfolie angebracht. Bei dieser Belichtung ist wichtig, dass die Schrift der Brauordnung deutlich zu sehen ist, deshalb muss die Maske richtig platziert sein.  

Die 1. Belichtungsphase: Weiches Hauptlicht von links, von rechts hellt eine Silberfolie den Griff und die rechte Seite des Krugs auf.
Die 1. Belichtungsphase: Weiches Hauptlicht von links, von rechts hellt eine Silberfolie den Griff und die rechte Seite des Krugs auf.
Die 2. Belichtungsphase: Mit dem Lichtpinsel werden die Zinnmünze und der Firmenname in der Gravur des Deckels herausgearbeitet.
Die 2. Belichtungsphase: Mit dem Lichtpinsel werden die Zinnmünze und der Firmenname in der Gravur des Deckels herausgearbeitet.
 

 

Die 3. Belichtungsphase von vorne ... Mit einer Maske aus schwarzer Pappe und violetter Filterfolie wird der violette Spot gesetzt.
Die 3. Belichtungsphase von vorne ... Mit einer Maske aus schwarzer Pappe und violetter Filterfolie wird der violette Spot gesetzt.
Die 3. Belichtungsphase in der Seitenansicht: Mit einer Maske aus schwarzer Pappe und violetter Filterfolie wird der violette Spot gesetzt.
Die 3. Belichtungsphase in der Seitenansicht: Mit einer Maske aus schwarzer Pappe und violetter Filterfolie wird der violette Spot gesetzt.
 

Zwischenzeitlich hat Linder immer wieder Polaroidabzüge gemacht, um die Belichtungsphasen aufeinander abzustimmen. Außerdem macht er zunächst Testbelichtungen der 3fach-Belichtung in verschiedenen Helligkeitstufen auf Dia-Material, um zu überprüfen, ob sich etwa noch Fingerabdrücke oder Staubkörner auf dem Krug befinden. Und um sicherzugehen, dass der Kontrastumfang später bei Litho und Druck reproduzierbar ist. So könnte ein zu hoher Kontrastumfang beim Druck für böse Überraschungen sorgen: Ausgefressene Lichter, zugelaufene Schatten und Ton- und Farbwertverluste sind die Folge, wenn nicht schon bei der Aufnahme an die beim Druck gesetzten Grenzen der Wiedergabe gedacht wird.  

Das aus allen 3 Belichtungsphasen bestehende Bild, wie es später auch im Prospekt reproduziert wurde.
Das aus allen 3 Belichtungsphasen bestehende Bild, wie es später auch im Prospekt reproduziert wurde.
Aber Linder ist mit dem Ergebnis zufrieden und kann die 3fach-Belichtung abschließen. Er übergibt der TOPIC Werbeagentur als Lithovorlage ein Dia im Großformat – ein von TOPIC bevorzugtes Format, weil ein größeres Dia eine bessere Qualität bei Litho und Druck garantiert. Zumal wenn – wie im Fall der Brauerei Clemens Härle – auf hochwertigem Kunstdruckpapier gedruckt werden soll.
 
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